NEUE KIRCHE -
SWEDENBORG ZENTRUM BERLIN

Die Anhänger der Neuen Kirche (NK) gehen davon aus, dass die Lehren für ihre Kirche in den Jahren zwischen 1745 und 1772 vom Herrn Selbst durch Emanuel Swedenborg (1688-1772) offenbart worden sind; sie stellen die Grundlagen für eine umfassende Erneuerung der christlichen Lehre dar.

Entstehungsgeschichte

Swedenborgs Vater, Jesper Swedberg, war Bischof der Schwedisch-Lutherischen Reichskirche. Er hatte erkannt, dass der Grundirrtum seiner Kirche der »Nur-Glaube« ist, der sich sowohl in bloß äußerlich gut scheinenden Werken als auch in formeller Frömmigkeit ausdrücken bzw. tarnen kann. Wahrer Glaube erlaubt jedoch kein Ausweichen vor dem Liebesgebot des Herrn, das in der Feindesliebe gipfelt und nur aufgrund von Sinnesänderung (Buße) zu verwirklichen ist.

Sein Sohn Emanuel wird in demselben Geist erzogen und entwickelt sich zu einem hervorragenden Naturforscher und Denker seiner Epoche. Swedenborg erlebt 1743 eine Christus Erscheinung. Im Jahre 1744 erscheint ihm Gott wiederum und beruft ihn in einer überwältigenden Weise zum Amt eines Sehers und Apostels. Das Ziel dieser Berufung ist, die Voraussetzungen für eine Erneuerung der Kirche des Herrn zu schaffen. Dazu gehört, dass ihm »das Gesicht seines Geistes« für jenseitige Daseinsbereiche sowie für den inneren Sinn der Heiligen Schriften aufgeschlossen wird.

Diese Schau führt ihn zu folgender Erkenntnis:

Das Zeitalter der ersten christlichen Kirche, auf Autorität und Macht gegründet, geht seinem Ende entgegen. Dieses erste Zeitalter wird von einem neuen christlichen Zeitalter abgelöst, symbolisch dargestellt durch das Neue Jerusalem, das Gott vom Himmel herabkommen lässt (Offenbarung 21; 22). Das Neue Jerusalem ist die eigentliche Neue Kirche, mit ihr ist also keine neue Organisation gemeint; vielmehr handelt es sich bei ihr um einen neuen geistigen Zustand des Menschen, in den der Mensch aktiv wirkend hineinwachsen muss. Es geht um eine vom Himmel her »einfließende«, den Geist der Freiheit und Liebe atmende spirituelle Innigkeit, die sich nicht mit dem bloßen Glauben und Verstehen begnügt. Dieser neue Geist wird sich in allen bestehenden Konfessionen und Religionen bemerkbar machen und auf Wandlung drängen.

Die äußere Kirche wird durch alle christlichen Gemeinschaften repräsentiert, sofern sie im Geist des Neuen Jerusalems wirken. Die von Anhängern der Swedenborgschen Offenbarungen in London 1787 gegründete Körperschaft der Neuen Kirche mit dem Namen »New Jerusalem Church« ist also nicht identisch mit der von Swedenborg »auf Befehl des Herrn« vorausgesagten und in ihren geistigen Grundlagen beschriebenen Neuen Kirche. Die heute in zahlreichen Ländern, so auch in Deutschland, verbreitete Körperschaft der Neuen Kirche ist so gesehen nur Werkzeug des Herrn bei der Errichtung der weltweiten eigentlichen »Neuen Kirche«.

Swedenborgs zahlreiche religiöse Schriften beeinflussten - angefangen bei Goethe - viele große Dichter und Denker, durch deren Werke wesentliche Ideen des schwedischen Sehers und Reformators wirksam wurden. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Tübinger Universitätsprofessor Dr. Immanuel Tafel, der einen großen Teil der religiösen Schriften Swedenborgs ins Deutsche übersetzte, die weit verstreuten Anhänger zu vereinigen. Zur Gründung einer kirchlichen Körperschaft in Berlin kam es erst 1900.

Einige der wichtigsten Lehren

Die Lehren der Neuen Kirche fußen auf grundlegend neuen Ansätzen und unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Folgerungen hieraus von den gängigen theologischen Vorstellungen. Hier einige Beispiele:

Die Konzilsbeschlüsse des 4. und 5. Jahrhunderts, praktisch für alle christlichen Kirchen bis heute maßgebend, sind für die Neue Kirche nicht bindend. Dies wirkt sich vor allem aus auf die Lehre vom dreieinigen Gott. Die Bücher der Bibel verstanden als Offenbarungen Gottes erfahren eine Begrenzung auf die Teile, die einen »fortlaufenden inneren Sinn« aufweisen. Das bedeutet: Die Briefe des Apostels Paulus sowie alle übrigen Briefe des Neuen Testamentes gelten nicht mehr als »Wort Gottes«, sondern werden eingereiht unter die »Schriften der Kirche, nützlich zu lesen«. Oberste Autorität gebührt den Texten der Evangelien, in denen die göttliche Offenbarung »unverhüllt« zutage tritt. Das ist namentlich bei den Taten und Reden Jesu Christi der Fall, auf die sich die Lehre der Neuen Kirche in erster Linie stützt. Die Worte des Herrn vom »Ende«, also von Seiner Wiederkunft zur Auferweckung der Toten und zum Jüngsten Gericht, werden ebenfalls sinnbildlich verstanden: Der Herr spricht hier von einer zukünftigen Geistkirche und von Seinem Kommen zu ihr.

Diese und andere Voraussetzungen führen u. a. zu folgenden Lehrsätzen:

Gott ist einer. Drei Wesenheiten oder Wesenselemente (Liebe, Weisheit und wirkende Kraft), nicht aber drei Personen bilden die göttliche Trinität. Diese spiegelt sich in drei Graden (oder Abstufungen) des Seins: Endzweck, Ursache und Wirkung; entsprechend der himmlischen, geistigen und materiellen Welt, im Menschen manifestiert als Geist, Seele und Leib. Gott ist reine Liebe. Bibelstellen, die vom Zorn oder von der Vergeltung Gottes handeln, nennt Swedenborg »Scheinbarkeiten des Wahren«. Sie ergeben sich aus dem Zwang der Anpassung der ewigen Wahrheiten an den Menschen, der in seiner Blind-heit einen Gott der reinen Liebe als schwach ansehen und Seine Gebote in den Wind schlagen würde. Sollte etwa Gott, der uns zur Feindesliebe auffordert, Selbst nicht dazu bereit sein? Die Bibel ist Gottes Wort, im äußeren Buchstabensinn angemessen dem Verständnis der Menschen, die es empfingen und weitergaben. Im Buchstaben spiegeln sich, bis hin zu Ungereimtheiten und Widersprüchen, menschliche Art und Denkweise; im Geist drückt das Wort den Willen Gottes mit uns Menschen aus. Man könnte auch sagen, dass in der Heiligen Schrift die Wege Gottes beschrieben werden, wie Er den Menschen von einem natürlichen zu einem geistigen Menschen führt. Buchstabe und Geist der Bibel sind durch Entsprechungen (Analogien) aufeinander bezogen, aus ihnen kann der »innere Sinn« erkannt werden. Die Entsprechungen beruhen auf der Tatsache, dass »alles Vergängliche nur ein Gleichnis« ist, wie Goethe in den Schlusszeilen von »Faust II« sagt. Die irdische Welt als das Letzte der Schöpfung bringt in stofflicher Umhüllung zum Ausdruck, was in der himmlischen Welt als Urform vorhanden ist. Swedenborg hat durch göttliche Offenbarung ein ganzes System von biblischen Entsprechungen beschrieben und war so imstande, viele bis dahin dunkle Stellen offen zu legen und für die Begründung eines verständlichen Glaubens heranzuziehen. Die Theologie sollte so gesehen der Tatsache vermehrt Rechnung tragen, dass große Teile der Bibel über ihren historischen Sinn hinaus einen tieferen, in Entsprechungen eingekleideten, geistigen Sinn aufweisen.

Auch Jesu Kreuzestod ist neu zu deuten: Da Gott auch die Sünder liebt (vgl. Römer 5,8), kann es sich dabei nicht um ein »stellvertretendes Opfer zur Versöhnung Gottes« gehandelt haben. In Jesus nimmt auch nicht eine »zweite Person Gottes von Ewigkeit« menschliche Gestalt an, um die erste, Gott-Vater, zu versöhnen, sondern der eine Gott von Ewigkeit wird Selbst Mensch zur Errettung Seiner Schöpfung, die in Gefahr stand, durch ein Übergewicht der höllischen Mächte unterzugehen. Der Tod Jesu am Kreuz bedeutet Seinen vollständigen Sieg über die Höllen. Er beseitigte damals das starke Übergewicht der bösen Mächte und stellte das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wieder her. Erst dadurch wurde und wird es jedem Menschen, der sich direkt an den Herrn wendet, möglich, das Gute zu wählen und mit seinem eigenen Bösen fertig zu werden.

Die Auferstehung des Menschen erfolgt direkt nach dem irdischen Tod, also am ersten (jüngsten) Tag. Das so genannte Gericht besteht darin, dass nun der innerste Kern des Menschen, unbehindert durch irdische Gesetze und Rücksichten, ans Licht kommt. Jetzt zeigt sich, ob die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen echt war oder nur in offener oder verdeckter Eigen- und Weltliebe bestand. Aus freiem Antrieb gesellen sich die Seelen im Jenseits zu ihresgleichen, und so bilden sich aus den Liebevollen die Himmel, aus den Selbstsüchtigen die Höllen.

Rechtsform und Organisation

Die Gemeinde der Neuen Kirche in Berlin hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins. Sie arbeitet eigenverantwortlich unter Leitung eines Vorsitzenden und wird durch einen Laien (geistige Leitung) und einen externen Pfarrer (Swedenborg Zentrum Zürich) betreut. Die Aufnahme von Mitgliedern in die Gemeinde kann vom 18. Lebensjahr an erfolgen und geschieht ohne große Formalitäten. Die bisherige Kirchenzugehörigkeit braucht nicht aufgegeben zu werden. Die vorher vollzogenen Sakramente werden anerkannt. Das Sakrament der Taufe (Kinder oder Erwachsene) und des Abendmahls wird allen gespendet, ob sie Mitglieder der Kirche sind oder nicht.

Literatur (Swedenborg Verlag, Zürich)

Auswahl aus den Werken Swedenborgs:

  • Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes (Erklärungen zur Heiligen Schrift);
  • Die wahre christliche Religion (Grundlagen der Religion), 4 Bände;
  • Die vier Hauptlehren der Neuen Kirche;
  • Die eheliche Liebe;
  • Die göttliche Liebe und Weisheit;
  • Die göttliche Vorsehung;
  • Himmel und Hölle (beschrieben nach Gehörtem und Gesehenem);
  • Vom Jüngsten Gericht.